Heimatverein Immenstaad

* 16.04.1901 in Waldkirch  |  † 1958 in Möggingen

Selbstportrait
Otto Holderied, Selbstporträt


Ein badischer Kunstmaler vor – während – und nach dem 2. Weltkrieg

von Gunthild Leischner

Ende März 2002 verstarb in Waldkirch bei Freiburg Frau Elisabeth Holderied, die Witwe des Lehrers und Kunstmalers Otto Holderied, der mit ihr zusammen viele Jahre in Immenstaad gelebt und dort gearbeitet hat. Aus diesem Anlaß sei es mir erlaubt, an ihn zu erinnern, denn er hat in seiner Immenstaader Zeit und danach viel von der damaligen Bodenseelandschaft in seinen Bildern eingefangen.

Vielleicht gibt es noch Augenzeugen, die ihn gesehen haben, wenn er nach der Schule mit seiner Staffelei ins Gelände zog. Nichts tat er lieber, als mit Pinsel und Farben seine Augeneindrücke festzuhalten. Im Laufe seines Lebens entstanden, neben anderem, hunderte von Landschaftsbildern. Dies allein aber ist nicht der Grund, warum ich über ihn schreiben möchte. In seinem Nachlaß befindet sich eine Mappe mit zahlreichen Blättern, die entstanden sind, als er im 2. Weltkrieg als Soldat in Frankreich und in Rußland war. Selbst mitten im Krieg hat er das Malen nicht lassen können. Sie vermitteln ein anderes Bild vom deutschen Soldaten, als die Wehrmachtsausstellung uns in den letzten Jahren vorgestellt hat. Auch diese Perspektive dient der Wahrheitsfindung. Otto Holderied war ein Zivilist, der wie viele andere die Uniform anziehen mußte, ohne dadurch aufzuhören, ein Zivilist zu sein. Seine Lebensgeschichte ist der Beweis dafür.

Otto Holderied wurde am 16.4.1901 in Waldkirch bei Freiburg geboren. Seine künstlerische Begabung hat er wohl seinem Vater Johann Holderied zu verdanken, der um die Jahrhundertwende in Waldkirch als Bildhauermeister wirkte. Der Sohn absolvierte nach dem Besuch der Volksschule während des ersten Weltkrieges eine Lehrzeit als Lithograph bei der Firma Pfaff in Lahr/Schw. Die schweren Nachkriegsjahre ließen ihm später seine eingeschlagene Berufslaufbahn wenig aussichtsreich erscheinen, so daß er sich entschloß, eine Ausbildung als Lehrer anzustreben. Er besuchte ein Vorseminar in Lahr und trat im Jahre 1922 als Lehramtskandidat in das Badische Lehrerseminar in Freiburg i.Br. ein.

1923 wurde er Hilfslehrer an der Staatlichen Landwirtschaftsschule auf der Hochburg bei Emmendingen, dann Lehrer in Krautheim a. d. Jagst, wo er seine spätere Frau kennenlernte. 1928 erhielt der junge Holderied eine Anstellung als Hauptlehrer an der Volksschule im Mondfeld/Main. Im folgenden Jahr heiratete er. Mehr und mehr wurde das Malen zu seiner Lieblingsbeschäftigung.

Als er 1935 eine Lehrerstelle in Immenstaad am Bodensee erhielt, wurde er zum Liebhaber und Maler der Bodenseelandschaft. Unzählige Entwürfe und Bilder entstanden, Uferlandschaften in Aquarell oder Öl, die das helle Licht über dem Wasser meisterlich wiederzugeben verstanden.

Blick Schulstrasse auf Kirche 1938
Blick von der Schulstraße auf die Kirche in Immenstaad; Otto Holderied 1938

Diese glückliche Zeit fand ihr Ende, als der 2. Weltkrieg ausbrach. Otto Holderied wurde 1939 zur Wehrmacht einberufen, obwohl er alles andere als das Zeug zum Soldaten hatte. Er war klein von Gestalt und eher schmächtig, der Gewehrkolben schlug ihm beim Marschieren. im die Kniekehle. Später, im Feld mußten ihm seine Kameraden, oftmals kräftige Bauernburschen, sein Marschgepäck tragen helfen, damit er überhaupt Schritt halten konnte. So wurde er zum Sanitäter ausgebildet, und als solcher erlebte er den Krieg, 1940 bis 1941 in Frankreich, anschließend bis 1944 im Rußland.

Es soll kein Spott sein, wenn ich sage, er bewaffnete sich für diesen Krieg mit Pinsel, Wasserfarben und Zeichenblock. Er führte dieses sein Rüstzeug mit sich überall dahin, wohin der Marschbefehl ihn verschlug. Neben seinem Dienst knapp hinter der Frontlinie, wo er half, die Verwundeten zu bergen und zum Verbandsplatz bzw. zur Rot-Kreuz-Station zu bringen, fand er immer wieder Zeit zum: Malen. Er malte, was er um sich herum sah - nicht abstrakt verfremdet wie die großen Künstler seiner Zeit, sondern wie er die Dinge sah, impressionistisch realistisch, wie sie der Eile wegen gemalt werden mußten. Seine Bilder aus Frankreich zeigen französische Kathedralen und Stadtansichten, eingetaucht im warmes Herbstlicht. Die Bilder aus dem Osten sind geprägt von einem weitgedehnten, übermächtigen Himmel, unter dem Kolonnen von Soldaten mit ihren Pferden, Gefangenen und Flüchtlinge ihres Weges dahinziehen. In ihrer Haltung unterscheiden sich Freund und Feind durch nichts. Es sieht aus, als sei der Krieg ein Verhängnis, dem alle gleichermaßen unterworfen sind, ihn stumm und leidend ertragend. Der Soldat Holderied malt Bauernhäuser, Brunnen, Kriegsgerät aller Art, einheimische Landarbeiterinnen in Gruppen.

Längere Zeit ist seine Einheit bei Spornoje/Ukraine stationiert. Viele seiner Blätter stammen aus dieser Gegend. Ohne seine Absicht macht er sich auf diese Art zum Zeitzeugen und Berichterstatter jener Kriegsjahre. Im Feldpostpäckchen sandte er sie in die Heimat, wodurch sie erhalten blieben. Einmal sah er auf einem Haufen brennenden Hausrats eine häusliche Ikone und rettete sie vor der Vernichtung in seinen Tornister. Auch sie überstand den Krieg.

Ende 1941 wurde Otto Holderied krank. Das Wolhynische Fieber hatte ihn ergriffen. Er wurde in die Heimat zurückgeschickt und kam in ein Lazarett nach Hinterzarten, wo er sich vier Wochen lang aufhielt und zwischen seinen Fieberattacken als Sanitäter arbeitete. Notdürftig genesen, mußte er zurück an die Ostfront. Dort hatte sich die Lage entscheidend verschlechtert. Einmal wurde die ganze Sanitätsstation von der Frontlinie abgeschnitten. Von seinen Immenstaader Kameraden versuchten einige auf eigene Faust, aus dem Kessel auszubrechen. Nur einer kam durch! Die Umzingelten wurden später durch deutsche Truppen wieder befreit. 1943 erkrankte er erneut am Wolhynischen Fieber. In die Heimat zurückgebracht, kam er als Sanitäter in ein Lazarett nach Konstanz. Dort erlebte er das Ende des Krieges.

Sogar während der chaotischen letzten Wochen des verlorenen Krieges wandte der passionierte Maler in Uniform seinen Blick der neuen Landschaft an Bodensee zu und tauchte unbeirrt seinen Pinsel in die Farbnäpfe. Sein Kommandant war der Lazarettarzt. Kurz vor Ankunft der Franzosen entließ dieser die Kranken unter den Soldaten aus der Wehrmacht. Auch Otto Holderied bat ihn um seine Entlassung. Er bot dem Kommandanten seine Bilder an, damit er ihm die Entlassungspapiere aushändige. Er hatte Erfolg damit. Vorsichtig schlich er sich aus der Stadt und konnte noch mit: einem Fährschiff nach Immenstaad gelangen. Er war zu Hause. Das ersparte ihm Kriegsgefangenschaft und anderes Elend. Er hätte das bei seiner angeschlagenen Gesundheit gar nicht überlebt.

Daheim war nun der Heimkehrer Holderied wie viele andere auch ohne Arbeit und Lebensunterhalt. Ohne Parteimitgliedschaft konnte in der Hitlerzeit kein Lehrer einen Beruf ausüben. Jetzt ließ die Entnazifizierung auf sich warten. So organisierte der Arbeitslose mehr schlecht als recht den Lebensunterhalt für sich und seine Familie durch Verkauf oder Tausch von Bildern gegen Lebensmittel. Erst 1947 wurde er wieder in den Schuldienst übernommen. Daneben spielte er in der Kirche die Orgel und leitete den Kirchenchor, wie das früher in kleineren Gemeinden vom Lehrer erwartet wurde. Erwähnt sei nebenbei, daß Otto Holderied mehrere Instrumente spielte, neben der Orgel natürlich Klavier, aber auch Geige und Gitarre. Im Jahre 1954 bewarb sich um die Alleinlehrerstelle an der kleinen Schule in Möggingen bei Radolfzell. Der Grund war, daß seine Tochter (1940 geboren) von dort aus leichter das Gymnasium. erreichen und besuchen konnte. Von Immenstaad aus konnten damals Schulkinder nur mit Bus und Schiff den Schulweg zum Gymnasium in Meersburg bzw. Konstanz bewältigen, und das war zeitraubend und mühsam. Um dem Mädchen den weiten Schulweg und sich selbst das Schulgeld eine Zeitlang zu ersparen, hatte der Lehrer seine Tochter ein Jahr länger als üblich an der Volksschule behalten und sie selbst in Französisch unterrichtet. Durch den Umzug nach Möggingen konnte sie nun viel leichter das Gymnasium in Radolfzell erreichen. Außerdem war Otto Holderied an der Zwergschule in Möggingen sein eigener Herr. Kein Direktor, keine Kollegen konnten Anstoß nehmen an seinen Ausgängen mit der Staffelei. Er unterrichtete die großen seiner Schulkinder am Vormittag, die kleinen am Nachmittag, er bediente die Orgel und probte mit dem Kirchenchor. Der Theatergruppe malte er eine riesige Kulisse mit einer Landschaft am Mindelsee. Rings um Möggingen bot sich seinem künstlerischen Auge eine malerische Naturlandschaft.

Haefele Landesteg 1952
Häfele, Landesteg mit Kiesschiff; Otto Holderied 1952

Auch aus dieser Zeit seines Wirkens stammen zahlreiche Bilder. Gelegentlich findet man eines in Gasthöfen entlang dem Bodensee. Wie viel von dieser schönen Landschaft mag heute noch vorhanden sein? In den vergangenen Jahrzehnten ist viel Natur durch die moderne Zivilisation verdrängt worden. Sie wurde den Zwecken einer fortschrittsorientierten Gesellschaft geopfert. Allem Schönen ist Vergänglichkeit beschieden. Der Maler Otto Holderied hat einiges davon mit seinem Pinsel festgehalten. Viel Zeit dazu hatte er nicht mehr. 1958 starb er. Er starb, kurz nachdem er das Klassenzimmer wegen eines Unwohlseins verlassen hatte. Ein Arzt wurde noch herbeigerufen, aber der konnte ihm nicht mehr helfen. Ein Herzversagen hatte dem Maler vom Bodensee für immer die Augen geschlossen. Er war 57 Jahre alt geworden. Die durch den Krieg verursachten Leiden hatten ihn nie wieder richtig gesunden lassen.

Wer die Mappen seiner Bilder aufschlägt, schaut, was er gesehen hat: Umwelt - gemalt mit großer innerer Zuwendung - ob daheim oder in "Feindesland". Dieser Soldat hat sich im letzten Krieg in erster Linie "umgeschaut". Eine Armee, auch eine deutsche, ist eben so gut oder so schlecht wie die Soldaten, aus denen sie besteht.

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